Freitag, 25. Oktober 2013
Dia del Salud und die krasse Realität
Hallo meine Lieben,
entschuldigt die lange Pause, aber in der letzten Zeit ist wenig berichtenswertes geschehen.
Letzte Woche Donnerstag hatten wir den Tag der Gesundheit auf meiner Arbeit, was so viel bedeutet wie alle Kinder und die dazugehörigen Familien kommen in unsere kleine Einrichtung (Bilder werde ich ganz bald machen!!) und lassen sich untersuchen. Ärzte der nahegelegenen Universität für Medizin haben uns bei diesem Event unterstüzt und kostenlos Ärzte bereit gestellt. Somit gab es Kinderärzte, Allgemeinmediziner und Gynäkologen für unsere Familien, die sie besuchen konnten und sogar einige Medikamente konnten sie danach gratis bei uns bekommen.
Natürlich herrschte an diesem Tag ein großes Durcheinander, da mal wieder die Pläne nicht befolgt wurden und konnten und somit alle durcheinander liefen. In dieser Unordnung eine sinnvolle Tätigkeit zu finden war beinahe unmöglich, weshalb wir uns darum gekümmert haben, dass es möglichst leise bleibt.
An diesem Tag habe ich viele Kinder gesehen, die ich noch nie zu Gesicht bekam, selbst nach fast 3 Monaten kenne ich nicht alle, da viele einfach nicht kommen. Ich habe viele schreckliche Verletzungen gesehen, besonders Narben, die von schrecklichen Unfällen, Überfällen und Gewalttätigkeiten kommen müssen. Ich habe erfahren, dass 40 Prozent der Eltern meiner Kinder Drogen und Alkoholabhängig sind, einige ihre Kinder verstoßen haben und nun bei Tanten und Großeltern aufwachsen, dass junge Mädchen im Alter von 13 Jahren durchaus sehr häufig schon mindestens 1 Mal schwanger waren und entweder abgetrieben haben, das Baby in Plastiktüten auf die Müllhalde werfen, oder es versuchen aufzuziehen.
Alle meiner Kinder haben Parasiten, Würmer, die durch die Füße eindringen und in dem verschmutzten Wasser leben, welches in der Communitario ist.
Ihr könnt euch nicht vorstellen, was ich gesehen habe, als ich am Freitag den Schritt gewagt habe und mit meinem Arbeitskollegen dorthin gegangen bin, wo die Familien leben und wo die Eltern arbeiten. Es ist ein teilweise eingezäuntes Viertel sehr abseits jeglicher anderer Häuser gelegen und nur mit einer Straße zu "meiner Realität" verbunden. Es ist wirklich wie eine andere Welt dort, es gibt keine Bäume, also keinen Schatten und dadurch ist es unbeschreiblich heiß. Die Straße ist aus plattgetretener Erde und führt gleichzeitig zur Müllhalde, auf welcher die Eltern arbeiten. Diese ist privatisiert und deshalb eingezäunt und mit bewaffneten Wachleuten versehen, weshalb ich mir wie ein Ausgestoßener und gleichzeitig ein Eindringling vorkam als ich die Familien besuchte, weil ich mit meinen blonden Haaren gerade zu ausstrahle, dass ich nicht hierher gehöre.
Sobald es regnet, ist die ganze Communitario überflutet. Und zwar nicht nur ein bisschen, man steht knietief in schwarzem Wasser, hat Jorge erzählt, der mit seinen 1,85 durchaus ein Riese ist im Gegensatz zu den Durchschnitsparaguayern.
Die Häuser sind genauso stark überschwemmt, es gibt keinen trockenen Platz mehr und die wenigen Habseligkeiten, die die Menschen dort besitzen, schwimmen einfach davon, sobald man die Tür öffnet.
Zudem ist es sehr gefährlich, da in dem Wasser viele Kokainspritzen sind und Glasscherben.
Die Müllhalde, der Arbeitsplatz aller Eltern ist das schlimmste: Sie stehen bis zu den Knien im Abfall und sortieren den Müll ohne Handschuhe. Jeden Tag, jede NAcht, egal bei welchem Wetter und welcher Hitze. Wobei zu sagen ist, dass der Gestank kaum aufzuhalten ist und bestimmt alles andere als gesund. Die Temperaturen sind im Sommer durchschnittlich bei 45 Grad und es existiert kein Schatten.
Meine lieben, ich bin einfach so betroffen und geschockt, ich weiß gar nicht mehr, was ich denken soll. Ich weiß nur, dass die Kinder, die gewalttätig misshandelt werden, trotzdem lachen und das jeden Tag.
Auf den wenigen Bildern, die ich besitze, wird nicht annähernd deutlich werden, was ich dort gesehen habe und gefühlt und erlebt habe. Trotzdem werde ich sie bald hinzufügen, vielleicht bekommt ihr ja eine Idee davon, wie dieser Ausflug in die krasse Realität für mich gewesen war.
Entschuldigt diese Schreibweise, zum einen wird schönes Deutsch langsam wirklich schwierig für mich, und zum anderen weiß ich einfach nicht, wie ich das Erlebte in Worte fassen soll.

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